OT: Mark Brandis‘ reale Vorfahren – Gene Cernan, Buzz Aldrin und die Gefahren des Weltraumspaziergangs (Teil 2)

(ez) – Rasender Herzschlag, Überhitzung, Überanstrengung, ein beschlagenes Helmvisier und große Hilflosigkeit in der Schwerelosigkeit. Nachdem schon der sowjetische Kosmonaut Alexeij Leonow im freien Weltraum fast handlungsunfähig gewesen war, machten später auch mehrere Gemini-Astronauten diese erschreckende Erfahrung. Erst der leidenschaftliche Taucher Edwin „Buzz“ Aldrin, der knapp drei Jahre später als „Apollo 11″-Astronaut den Mond betreten sollte, schaffte es, die Gefahren des Außenbordeinsatzes (EVA) in den Griff zu bekommen.

 

Zu wenig Erfahrung

Seit Ed Whites Weltraumspaziergang während des „Gemini 4“-Fluges war genau ein Jahr vergangen. Nun sollte Astronaut Eugene „Gene“ Cernan testen, ob auch längeres Arbeiten in der Schwerelosigkeit möglich sein würde. Für die geplante Mondlandung war das eine Grundvoraussetzung, denn auch dort und auf dem Hin- und Rückweg müssten die Astronauten in der Lage sein, ihre Arbeit zu tun. Cernan erzählt in der kanadischen Dokumentation „Aufbruch ins All“ von 2003: „Bis dahin hatten wir gerade mal 20 Minuten Erfahrung. Ed White war kurz draußen gewesen und war dann ohne Probleme wieder reingekommen.“

Wegen Whites positiven Erfahrungen ging das „Gemini 9“-Team von Gene Cernan und Thomas Stafford beim Start am 3. Juni 1966 davon aus, dass der lange Ausstieg einfach sein würde. Cernan: „,Gemini 9‘ war mein erster Flug. Ich hätte alles übernommen. Ich wusste, dass ich das konnte.“ („Aufbruch ins All“, Kanada 2003). Er irrte sich.

 

Der Kampf mit der Schwerelosigkeit

Cernans Aufgabe war es, aus der Raumkapsel auszusteigen, sich außen ans andere Ende zu hangeln, einen dort angebrachten Raketenrucksack überzuziehen und ihn Probe zu fliegen.

Kaum draußen im Vakuum des Alls sorgte die Schwerelosigkeit aber dafür, dass für Cernan jede kleinste Bewegung zum Kraftakt wurde. Cernan: „Es gab nichts zum festhalten außer ein paar Griffen. Man wird zu einer hilflosen Kreatur, die an einer Leine durchs All treibt.“ („Aufbruch ins All“).

In dem Buch „Vorstoß ins All“ von Time-Life (1993) ist folgendes zu lesen: „Als er nach dem Ausstieg versuchte, zum AMU (Astronaut Maneuvering Unit) im hinteren Teil der Kapsel zu gelangen, musste er mit aller Kraft dagegen ankämpfen, dass sein schwereloser Körper bei jeder Berührung des Rumpfes vom Schiff abgetrieben wurde. Sein Raumanzug konnte die hohe Körperwärme, die er dabei erzeugte, nicht mehr ableiten (…).“

Cernan: „Plötzlich merkte ich, dass Visier beschlug.“ („Aufbruch ins All“). Dadurch wurde er im All so gut wie blind. Cernan: „Mein Puls raste. Er ging zeitweise rauf auf 170.“ Laut Cernans Partner Tom Stafford, der seinen Kampf mit der Schwerelosigkeit direkt mitbekam, lag Cernans Maximalpuls 20 Prozent über dem Richtwert.

Bei den Ärzten im Kontrollzentrum kam die Befürchtung auf, Cernan könne das Bewusstsein verlieren und nicht mehr in die Kapsel zurückkehren. Schließlich erreichte der Astronaut das Fluggerät, doch „der Versuch, das Fluggerät anzulegen, beanspruchte ihn bis an die Grenze seiner Kraft“. („Life – Im Weltraum“, TimeLife, 1984). Auf der Erde entschied Gemini-Flugdirektor Eugene „Gene“ Kranz, den Einsatz abzubrechen.

Die Enttäuschung über sein Scheitern ist Cernan auch in der Dokumentation „Aufbruch ins All“ – 37 Jahre nach seinem Flug – noch anzumerken. Cernan: „Ich war enttäuscht. Ich hatte es nicht geschafft und alle hängen lassen. Frustrierend.“

Bei den folgenden Gemini-Flügen versuchten die Astronauten-Duos, die Probleme mit der Schwerelosigkeit zu lösen. Auch sie scheiterten. Sie waren nicht in der Lage, außerhalb der Kapsel komplexere Aufgaben zu lösen.

 

Neue Trainingsmethoden für den Außenbordeinsatz

Die NASA veränderte daraufhin Raumanzüge und Trainingsmethoden. Buzz Aldrin, der als nächster aussteigen sollte, brachte bei der Vorbereitung auch seine Erfahrungen als passionierter Taucher ein. Als erster Astronaut „bereitete er sich auf seine Aufgabe unter Wasser vor, um die Schwerelosigkeit zu simulieren“. („Aufbruch ins All“). Aldrin erzählt: „Unter Wasser ist es ganz normal, sich langsam von einer Position zur anderen zu bewegen.“ („Aufbruch ins All“).

Flugleiter Gene Kranz erinnert sich an Aldrins Training: „Die Werkzeuge, die Technik, das Training, all das wurde ins Wasser verlegt. Eine Umgebung, die sehr ans All erinnert. Wenn er wieder auftauchte, instruierte er uns über notwendige Veränderungen. Wir hatten Taucher und Ingenieure vor Ort. Urplötzlich passte alles.“ („Aufbruch ins All“).

 

Aldrins Erfolg

Am 11. November 1966 wurde es dann ernst: Beim „Gemini 12“-Flug mussten Buzz Aldrin und Jim Lovell endgültig das Problem mit den Außenbordeinsätzen lösen. Als die beiden Astronauten „an Bord ihres startbereiten Raumfahrzeugs gingen, trugen sie Aufnäher mit je einem Wort, die zusammen ,The End‘ ergaben.“ („Life – Im Weltraum“). Ihr Flug sollte die letzte Gemini-Mission werden.

Und Aldrin war erfolgreich, unter anderem, weil er sich anders bewegte als seine Vorgänger. Jim Lovell: „Buzz kämpfte nicht gegen die Schwerelosigkeit an, sondern nutzte sie. (…) Ihm wurde nicht zu heiß, sein Herzschlag ging nicht hoch. Er blieb einfach ruhig. Außerdem hatte er die richtigen Werkzeuge und Fußstützen. Wir lernten eine Menge für die Zukunft.“ („Aufbruch ins All“).

Laut „Life – Im Weltraum“ hatte es auch an der Kapsel Verbesserungen gegeben. Halteringe, Geländer, Velcro-Flecken und Handgriffe mit Velcro-Überzug. Flugleiter Gene Kranz: „Seit dem hatten wir nie wieder Probleme mit einem Außeneinsatz.“ („Aufbruch ins All“).

Im Laufe der Jahre entstanden – basierend auf den Erfahrungen der Gemini-Astronauten – noch weitere Hilfsmittel, die Weltraumspaziergänge erleichterten.

 

Bruce McCandless schwebt frei im All

Ein gewaltiger Fortschritt bedeutete Anfang der 1980er Jahre die Entwicklung eines Raketentornisters (Manned Maneuvering Unit, MMU), „der es erlaubt, sich bei Außenbordeinsätzen ohne Sicherungsleine zu bewegen“. (Wikipedia). Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war der ehemalige Apollo-Astronaut Bruce McCandless II, der während der Flüge von „Apollo 10“, „11“ und „14“ als Verbindungssprecher (Capcom) fungiert hatte.

Beim zehnten Flug des Space Shuttles im Februar 1984 testete McCandless das MMU und wurde damit am 7. Februar 1984 der erste Mensch, der völlig frei im Weltraum schwebte. Das Foto des schwerelos mit dem Raketentornister über der Erdkugel schwebenden McCandless wurde später durch das Dido-Plattencover zum Album „Safe Trip Home“ weltberühmt.

Das MMU besitzt Schubdüsen, „die mit gasförmigem Stickstoff betrieben werden“. („Vorstoß ins All“). Ohne solche Geräte wäre der Bau der internationalen Raumstation ISS nicht möglich.

 

Von moderner Piraterie – auch Mark Brandis bekommt es in dem Hörspiel „Sirius-Patrouille“ mit Piraten zu tun – handelt unser Beitrag vom Mittwoch, 20. Juni. Der Artikel geht abends online.

Kategorie(n): Alles, Hintergrund, OT

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