(ez) – Mark Brandis, der hilflos und in Gedanken vollkommen einsam am Krankenbett seiner Frau Ruth sitzt; Schauplätze von einem antarktischen Eisberg bis in die Hitze Afrikas und eine globale Virenbedrohung. Die atmosphärische Bandbreite des neuen Mark-Brandis-Zweiteilers „Lautlose Bombe“, für die Sounddesigner Jochim C. Redeker passende Klänge finden musste, ist diesmal gewaltig. Wie er im Gespräch verrät, spielt er wieder stärker mit Musik als in den vergangenen Folgen. Zu drei Schlüsselszenen im Hörspiel hat Redeker komplett neue Stücke geschrieben: für Mark Brandis‘ und Grischa Romens Marsch über den bemannten Eisberg; für die tragischen Momente am Ende der Eisberg-Szene; und dann ist ein Stück für die letzte wichtige Szene mit Mark Brandis und Ruth O‘Hara am Ende der Geschichte entstanden. Mit einer Variation des Themas „Ankunft in Metropolis” aus „Die Vollstrecker” ist darüber hinaus etwas entstanden, das Jochim Redeker einen „Moment mit Gänsehaut-Effekt” nennt.
„Wir sind ein Teil davon“
„Es gibt einen tollen Moment in der Geschichte, den wir ursprünglich gar nicht so geplant hatten“, freut sich Mark-Brandis-Komponist Jochim Redeker. Die Rede ist von einer Gesprächsszene mit VEGA-Direktor John Harris und dem am Boden zerstörten Mark Brandis in einem Büro der Raumstation „Porta Stellaris“. Nachdem Geheimdienstmann Verastegui den Raum verlassen hat, wendet sich der sonst sehr nüchterne Harris an Brandis und sagt: „Schauen Sie aus dem Fenster, Brandis! -Das ist es, woran ich glaube, ein Universum ohne Grenzen, an einen ewigen Wechsel von Werden und Vergehen. Wir sind ein Teil davon.“
Redeker unterlegt diesen Moment in bester Tradition der ersten „Star Trek“-Musik von Jerry Goldsmith mit einem Stück gespielt mit einem zarten Streicher-Tremolo, einem hellen Klingen und einem sanften Horn. Es ist das „Metropolis“-Thema, das zum ersten Mal in der letzten Szene von „Aufstand der Roboter“ zu hören ist und das in „Die Vollstrecker“ eine gebieterische Größe entfaltet. Diesmal klingt es sehr zurückhaltend, symbolisiert aber ganz deutlich das Ideal des Zuhauses (Die Erde als schimmernde blaue Kugel im All oder eben Metropolis), für das es sich zu Kämpfen lohnt.
Eine Hommage an Vangelis’ „Antarctica“
Eine Hommage an Vangelis’ CD „Antarctica“ aus dem Jahr 1983 ist für Grischa Romens und Mark Brandis‘ Marsch über den mobilen Eisberg der „Iceberg Shipping Company“ entstanden. Redeker: „Ich hatte die Idee für dieses Stück schon für die Folge ,Vorstoß zum Uranus‘, jetzt habe ich es eingesetzt.“ Entstanden ist eine Musik mit klaren klingenden Tönen, zu denen sich im Mittelteil noch eine Harfe gesellt. Redeker: „Ich habe mich an Vangelis’ Klängen und Harmonien in ,Antarctica‘ angelehnt, sie wirken wie ein musikalischer Fingerabdruck.“
Unwillkürlich entstehen – kombiniert mit dem Pfeifen des Windes, dem Rauschen des Meeres und den knirschenden Schritten der Protagonisten – vor dem inneren Auge Bilder von kristallklar weißblau schimmerndem Eis. Wie Vangelis in seiner Komposition hat für dieses Stück auch Redeker einen Yamaha CS 80-Synthesizer eingesetzt, was den Vangelis-Sound noch deutlicher macht.
Hört in die Szene rein (CD1, Track 10) und vergleicht selbst:
Ein tragischer Moment
Ein extrem emotionales Stück hat Redeker für die letzten tragischen Momente mit Marie-Christine Rousseau auf dem Eisberg geschrieben. Zur Tragik des Moments bekommt Mark Brandis hier auch die Gewissheit, dass er wirklich gegen seinen Halbbruder Jonathan West wird kämpfen müssen.
Das Musikstück beginnt mit einem zarten Streichermotiv. Nach wenigen Augenblicken gesellen sich – ebenfalls zart gespielte – Holzbläser hinzu. Dann wiederholt Redeker das Motiv in der gefühlvollen Klangbreite vieler Appassionata-Streicher, zu denen sich auch noch Blechbläser gesellen.
Laut Redeker ist das Reinhild von Michalewsky, der Witwe des Mark-Brandis-Erfinders Nokolai von Michalewsky, „etwas zu dick aufgetragen”, aber es sei ihm hier auch um das Gefühl, das der Hörer in dieser Szene haben soll, gegangen. Es sei der große Wendepunkt in der Geschichte.
„Teile des Stückes hatte ich schon mal in der Zeit zwischen zwei Produktionen aufgenommen und mir überlegt, dass es irgendwann mal passen könnte.“ Damals war das Stück aber noch nicht auskomponiert. Nun hat es Redeker genau auf die Rousseau-Szene zugeschnitten und vollendet.
„Ruth und Mark“
Das letzte große neue Stück der Geschichte ist die Variation eines Themas, das Jochim Redeker bereits in der ersten Folge „Bordbuch Delta VII“ eingeführt hat. Das „Ruth und Mark“-Thema für Mark Brandis und seine Frau Ruth O‘Hara. Von Flöten gespielt, ist es in „Bordbuch Delta VII“ zum ersten Mal zu hören, nachdem es der „Delta VII“-Crew nicht gelungen ist, alle Angehörigen der Besatzungsmitglieder aus Metropolis zu evakuieren. Ruth bleibt zurück.
Die bekannteste Version des Thema ist eine Fassung, die mit einem gefühlvollen Piano gespielt ist. Die Piano-Version von „Ruth und Mark“ setzt Redeker auch in „Lautlose Bombe“ wieder ein. Mark Brandis sitzt am Krankenbett von Ruth und spricht leise mit ihr, obwohl er nicht weiß, ob sie ihn überhaupt wahrnehmen kann. Redeker: „Dann stoppt das Stück, als Brandis von einem Arzt aus seinen Gedanken gerissen wird. Es folgt ein sehr hitziges und unerfreuliches Gespräch, und als es vorbei ist, ist Brandis in Gedanken sofort wieder bei Ruth“, symbolisiert durch den letzten Teil des Piano-Stückes. „Mark Brandis ist hier in Gedanken sehr einsam.“
Für die letzte Szene des Hörspiels, die erneut im Krankenzimmer spielt und die vor allem aus bangem Warten besteht, greift Redeker das „Ruth und Mark“-Thema erneut auf und vermischt es mit Fragmenten des Mark-Brandis-Themas. Durch einen Glocken-ähnlichen Klang, vermischt mit einer zart gezupften Harfe, gibt Redeker dem Stück einen tickenden Puls, der verdeutlicht, das während des Stückes eine lange Zeit des Wartens vergeht. Das „Ruth und Mark“-Thema selbst wird zunächst mit einer Flöte gespielt. Es folgen Fragmente des Mark-Brandis-Themas mit einer Klarinette, die in den zarten Puls eingebettet sind, kombiniert mit einem ganz leisen hohen metallenen Xylophon. Dann greift das Stück das „Ruth und Mark“-Thema wieder auf, diesmal mit zarten Streichern.

Jochim Redeker hat für die letzte Szene zwei zentrale Themen verwoben.
In seinem Vorgehen, zwei Themen miteinander zu verknüpfen, greift Redeker ein Stilmittel auf, das beispielsweise Filmmusik-Meister John Williams immer wieder einsetzt. Ein bekanntes Beispiel findet sich in der Schlussmusik des „Star Wars“-Soundtracks zu „Attack of the Clones“. Hier greift Williams ganz am Ende – leider nur auf der CD und nicht in der Film-Version – gleich drei Themen auf und verwebt sie miteinander. Zuerst ein Fragment aus dem „Anakin‘s Theme“, das den kindlichen Anakin Skywalker symbolisiert, dann ein Fragment aus dem Liebesthema „Across the Stars“, das für den Erwachsenen Anakin steht und zum Schluss das „Darth-Vader“-Thema – von dumpfen Streichern angedeutet -, das zeigt, was aus Anakin werden wird.
Melancholische Schlussmusik
Die Schlussmusik, mit der „Lautlose Bombe“ endet, ist die Schlussmusik aus der Bürgerkriegs-Folge „Unternehmen Delphin“. Melodie-Instrument ist hier ein Synthesizer, dessen Klang entfernt an den einer Panflöte erinnert. Redeker: „Das Stück hat etwas Melancholisches, das passt sehr gut. Ich wollte hier kein zu positives aber auch kein tragisches Stück einsetzen.“
Die ursprünglich vorgesehene Schlussmusik kam damit nicht zum Einsatz, weil sie Redeker nun doch nicht mehr passend erschien. „Sie ist zu kraftvoll und macht zu viel Zunder. Ich brauchte etwas Zartes.“
Dramatisches, Hölzernes und Unheimliches
In der Geschichte „Lautlose Bombe“ gibt es auch ein Wiederhören mit mehreren schon früher eingesetzten Musiken. Das dramatische rhythmische Stück zu Beginn von CD2 – hier spricht Mark Brandis seinen Bericht an John Harris über die wichtigsten Ereignisse ein – unterlegt in „Unternehmen Delphin“ den Beginn des Angriffs auf die TOTALCHEMIE. Es ist eine Art „Aufmarsch der Truppen“-Motiv. Auch in „Lautlose Bombe“ werden zu dieser Musik die Fronten endgültig geklärt, auch wenn Brandis noch immer an das Gute in Jonathan West glauben will.
Ein sehr organisch klingendes Stück mit Handtrommeln und einem hölzernen Xylophon aus „Pilgrim 2000“ greift Redeker auf, um zur Ankunft in Massaua in Nordwest-Afrika überzuleiten. Atmosphärisch ist es genau das Gegenteil des Eisberg-Themas. Redeker: „Es ging mir darum, die vielen Ortswechsel auch klanglich umzusetzen.“
Eine unheimliche Klangmalerei aus „Testakte Kolibri“ – (Redeker: „Hier eiert der CS 80 richtig schön“) – leitet in „Lautlose Bombe“ die Szene nach dem brutalen Mörser-Angriff ein. Mark Brandis erwacht langsam aus der Bewusstlosigkeit. Etwas ähnliches passiert auch in „Testakte Kolibri“. Hier kommt Brandis nach seinem „Kolibri“-Crash im Krankenbett langsam zu sich.
Unser nächster Making of-Beitrag zu „Lautlose Bombe“ beschäftigt sich mit der Klangkulisse und den Soundeffekten und auch mit zwei Zitaten aus „Blade Runner“ und „Star Wars: Episode I“. Der Beitrag geht am Mittwoch, 25. Juli, abends online.

