(ez) Zusammen mit dem neuen Zweiteiler „Lautlose Bombe“ sind die ersten vier Mark-Brandis-Folgen „Bordbuch Delta VII“, „Verrat auf der Venus“, „Unternehmen Delphin“ und „Aufstand der Roboter“ neu veröffentlicht worden. Die vier Folgen erzählen die zusammenhängende Geschichte des Kampfes gegen den Diktator General Gordon B. Smith. Wir nehmen die Neuauflage zum Anlass, hinter die Kulissen der Entstehung zu blicken. Heute geht es um die Adaption der vier Romane und auch um die Unterschiede zwischen Roman und Hörspiel.
Hallo Balthasar, zwischen 2007 und 2009 habt ihr aus den ersten vier Mark-Brandis-Romanen die ersten vier Hörspiele gemacht. Wie war das, als die ersten CDs in den Regalen gestanden haben?
An das erste Mal im Regal kann ich mich nicht so erinnern, aber den Moment, als ich die Testpressung in Händen hielt, werde ich wohl nicht vergessen. Das ist wie das erste Buch oder einen Film herausgebracht zu haben — an dem Tag kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Ist der Bürgerkriegs-Zyklus auf den vier CDs am Ende denn so geworden, wie ihr euch das am Anfang vorgestellt habt?
Absolut. Man findet zwar immer irgendwo noch das sprichwörtliche Haar, aber die ersten vier wirken auch jetzt noch als Ganzes rund.
Was war von den Romanen denn besonders schwer umzusetzen?
Die Homines Facti (HFs) haben uns viele Sorgen gemacht, da sie alle die gleiche Stimme haben und im Buch zudem noch aus dem Kontrast ihren Schrecken ziehen, dass sie als kräftige und kalte Männer mit Stimmen wie Sechsjährige sprechen. Dass wir aus Perspektivegründen die eigentlich sehr schöne Episode streichen mussten, in der Rob Monnier das Kommando über die Delta VII hat („Unternehmen Delphin“), war bedauerlich. Knifflig war es, die Ereignisse dennoch einfließen zu lassen.
Für jeden der vier Romane hattet ihr damals nur eine CD zur Verfügung. Wo hättest Du für die Geschichte gerne mehr Zeit gehabt?
Für die Adaption von “Aufstand der Roboter” hätten die Hörspiel-Macher gerne noch etwas mehr Platz auf der CD gehabt.Bei „Bordbuch“ war es die Geldfrage. Als wir die produzierten, hatten wir noch keinen Labelvertrag, und wir wussten, dass wir nicht die Kohle für ein 70- oder 80-Minuten-Hörspiel aufbringen konnten.
Von was hast Du Dich bei der Adaption am schwersten getrennt?
Von der langen und sorglosen Exposition der Serie in den ersten Kapiteln von „Bordbuch“. Das geschah schon sehr früh und in Zusammenarbeit mit Regina (Regina Schleheck ist die Hauptautorin des ersten Manuskripts. Anm. d. Red.). Ich wollte, dass das Hörspiel mit etwas anfängt, was gleich Spannung erzeugt, und im Buch ist am Anfang viel Bordroutine und Heimkehrmüdigkeit, die eigentlich sehr stimmungsvoll ist. Die hätte ich gerne drin gehabt, aber es ging nicht. Ähnliches gilt für die Fußtruppen beim Anschlag auf die TOTALCHEMIE. Lauter Vignetten aus dem Leben und Sterben der vielen Zahnrädchen, die dafür sorgten, dass die Delta VII ihren Angriff überhaupt fliegen kann. Tipp an die Hörer der Hörspiele — die ersten vier Bücher lesen … die können einen glatt auf den Geschmack bringen!
Gibt es Szenen, die beim finalen Schnitt noch auf der Strecke geblieben sind?
Bei den ersten vier … nein. Einzelne Szenenausschnitte ja, aber keine ganzen Szenen.
Du hast gegenüber den Romanen für die Hörspiele viele Dinge verändert und modernisiert. Ich denke da zum Beispiel an die Einführung des Bordcomputers CORA und verschiedene männliche Charaktere wie Captain Danielson, die weiblich geworden sind. Hast Du viel Überzeugungsarbeit bei Reinhild von Michalewsky (Witwe des Mark Brandis-Erfinders Nikolai von Michalewsky, Anm. d. Red.) gebraucht, um das machen zu dürfen?
Gegen mehr Frauen hatte sie gar nichts! ;-) CORA war etwas kniffliger, ich glaube, für die gab es erst Grünlicht, als die ersten Hörproben da waren. Aber wie sie selbst in ihrem Interview auf vonmichalewsky.de sagt, lauscht sie nach innen und versucht, im Sinne ihres Mannes zu handeln. Das finde ich sehr ehrenvoll und respektiere es. Diese Perspektive erlaubte es ihr trotzdem, mir die deutlichste Abweichung vom Buch im ganzen Bürgerkriegzyklus zu gestatten, nämlich das achtminütige Gespräch zwischen Brandis und dem General in „Delphin“ , das im Buch überhaupt nicht vorkommt.
Gab es etwas, über dass ihr besonders lange diskutiert habt?
Über dieses Gespräch zum Beispiel: wie überzeugend darf der General sein, und darf Brandis ob so viel mephistophelischer Ausstrahlungskraft auch mal die Fassung verlieren?
Hat sie etwas abgelehnt?
Ja, das kam auch ein paar Mal vor. Ich habe da aber ein gnädiges Gedächtnis und müsste jetzt in alten Fassungen suchen, um das zu identifizieren. Nichts wirklich so Gravierendes offensichtlich.
Welcher der ersten Romane war denn am schwersten umzusetzen?
Schwer zu sagen. „Bordbuch“ war sicher schwer für Regina, gerade auch im Spagat zwischen Buchtreue und meinen sehr dezidierten Vorstellungen. Von meinen drei war es „Aufstand“, wegen der Laufzeit, und weil ja alle Erwartungen über drei Hörspiele hinweg jetzt erfüllt werden mussten. Beim Schreiben ist es ja vergleichsweise leicht, Mysterien aufzubauen …
„Als am Morgen des 28. Oktober 1967 Ernst Wessler den Lift verließ, sah er, dass sein Dienstfahrzeug verschwunden war. An Diebstahl glaubte er nicht, eher an ein Versehen der Fahrerdisposition. Das war schon vorgekommen. Doch drei Stunden später, in denen er nach der Werkssicherheit auch mit der Polizei und vielen Kollegen gesprochen hatte, bekam er ein flaues Gefühl im Magen. Sein Zug EV512 war verschwunden — und der einzige Serviceausgang aus dem hermetisch geschlossenen Ring war seit drei Wochen in Reparatur. Auf dem aufgerissenen Gleisbett konnte keine U-Bahn nach oben gefahren sein.”
… aber das zufriedenstellend aufzulösen, ist schwieriger.
Welche Folge ist Dir am leichtesten von der Hand gegangen?„Verrat auf der Venus“. Schnurrte wie eine Katze, schrieb sich fast von selbst.
Welche Elemente aus den Romanen wolltest Du auf keinen Fall im Hörspiel haben?
Die Elemente, die in Star Trek – Folgen „ausgefallener Transporter“ oder „Warpkernprobleme“ heißen, und die hier die immer wiederkehrende Form „Asteroidensturm“, „Sonnensturm“ oder „ZG (Zusätzliche Gravitation)“ annehmen: angenehme Entschuldigungen, den Plot zu dramatisieren, weil plötzlich das Schiff in Gefahr ist und Hilfe von außen nicht kommen kann.
„Bordbuch Delta VII“ hast du zusammen mit Regina Schleheck entwickelt, die übrigen Manuskripte hast Du selbst geschrieben. Welchen Unterschied gibt es zwischen euren Schreibstilen?
Das ist für mich objektiv nicht zu sagen. Das sollen die Hörer beurteilen, ich kann das nicht.
Hast Du in den ersten vier Teilen eine Lieblingsstelle?
Alle Begegnungen Brandis/Monnier haben eine unglaubliche Energie, davon schreibe ich aber mindestens die Hälfte auf das Konto von Michael (Lott) und Holger (Umbreit), die die Szenen spielen, als gäbe es kein Morgen. Wenn es um einzelne Szenen geht, und wenn das jetzt nicht zu eitel klingt … mein Herz hängt am oben genannten General-Brandis-Gespräch — und an der Todesszene von Antoine Ibaka. Auch die Vorleserei von CORA mag ich, weil sie irgendwie und paradoxerweise was sehr Sinnliches hat.
In unserem Artikel am Mittwoch, 22. August, geht es um die Erfahrungen der Hörspiel-Macher mit den Stammsprechern um Michael Lott, Dorothea Anna Hagena und Gerhart Hinze und den Star-Sprechern des Bürgerkriegs-Vierteilers Christian Rode, Norbert Langer und Daniela Hoffmann. Der Beitrag geht abends online.


Schönes Interview. Was mich schon immer interessiert: Ich habe beim hören des Bürgerkriegszyklus was die Atmosphäre aber auch einige Plotelemente angeht im positiven Sinne sehr oft an den Bürgerkriegs-Metaplot in Babylon 5 gedacht.
Habt ihr beim Konzipieren der Hörspielsereie ähnliche Gedanken gehabt?
Auf Bürgerkriegssituationen gibt es ja kein Copyright … und die MB-Bücher sind ja doch 25 Jahre vor B5 auf den Markt gekommen. Nein, eine bewusste Hommage war das nicht.