(ez) – Plätschernder Regen, eine summende Fliege, MG-Garben, Explosionen, der Schrei eines Weißen Kranichs und der Hörer, der zusammen mit Mark Brandis unter Wasser taucht. Der Sound der ersten vier Mark-Brandis-Folgen „Bordbuch Delta VII“, „Verrat auf der Venus“, „Unternehmen Delphin” und „Aufstand der Roboter” steckt voller Details. Sounddesigner Jochim C. Redeker gewährt im Gespräch einen tiefen Einblick in die Klangwelt der ersten vier Folgen. Dabei verrät er auch, was den Klang des Raumschiffes „Delta VII” von dem der später eingeführten „Hermes” unterscheidet und was die „Reinigende Flamme” mit der alten Wochenschau zu tun hat.
Der Klang einer Diktatur
„Die Bürgerkriegs-Geschichte der ersten vier Mark-Brandis-Folgen hat Nikolai von Michalewsky damals als Analogie auf die Nazi-Zeit geschrieben“, erzählt Hörspiel-Sounddesigner Jochim C. Redeker. Vor diesem Hintergrund „war es mir klar, dass ich den Klang des Regimes der ,Reinigenden Flamme‘ mit Klischees aus dieser Epoche anreichere“.
Jochim Redeker hat die TV-Ansprachen der Smith-Diktatur an den Klang alter Wochenschauen angelehnt. (Foto: thowisblog.blogspot.com)Besonders deutlich wird der „Nazi“-Klang in den Fernseh- und Radioansprachen und Reportagen, die akustisch an die Wochenschauenaus den 1930er und 1940er Jahren erinnern. Bei der Ansprache nach dem Angriff der Weltraumpartisanen auf die TOTALCHEMIE ist es vor allem die theatralische Sprechweise von Kai Henrik Möller als Tom Collins, die „braune“ Assoziationen weckt. Beim Bericht über die Abdankung von Präsident Samuel Hirschmann lässt Redeker das „Volk“ im Stil alter „Sieg Heil“-Ansprachen brüllen.
Darüber hinaus arbeitet Sounddesigner Redeker zum Teil mit einer plumpen Marschmusik, die er unter die TV- oder Radiostimme liegt. Redeker schmunzelnd: „In meiner Familie sind sehr viele in Musikvereinen. Ich bin mit dieser Musik quasi aufgewachsen. So ist mir die Marschmusik ganz leicht von der Hand gegangen. Nach einer Stunde war sie fertig.“ Insgesamt habe der TV- und Radiosound ganz bewusst etwas karikaturhaftes, „mit Leuten, die geschwollen reden und mit Blasmusik“.
Das „Reinigende Flamme“-Lied
Der Gesang der Soldaten der “Reinigenden Flamme” weckt Erinnerungen an marschierende Wehrmachtssoldaten. (Foto: oonly.com)Einen Gänsehaut-Effekt erzielt Redeker in „Unternehmen Delphin“ mit dem von vielen marschierenden Soldaten geschmetterten „Reinigende Flamme“-Lied. Mark Brandis wurde auf der Insel Malden gefangen genommen und wird abgeführt. Da ertönen auf einmal Trommeln, krachende Stiefel im Gleichschritt und ein martialischer Gesang: „Im All… und überall… regiert… der General… Die Flamme reinigt… die Flamme einigt…“
Redeker: „Da war der gesamte männliche ,Praktikanten-Stadel’ von Radio Antenne Niedersachsen im Einsatz.“ Er habe alle im Aufnahmestudio versammelt und ihnen gesagt, dass sie den Marsch „aus voller Inbrunst ins Mikro blöken“ sollten. „Bei den Aufnahmen hatte ich sechs Leute beisammen und legte den Gesang dann zehn mal übereinander.“ Kombiniert mit Trommeln, krachenden Stiefeln und gebrüllten Befehlen entsteht so akustisch eine ganze Phalanx „Reinigende Flamme“-Soldaten.
Die „Delta VII“ – Eine riesige Keksdose
Das Schiff, das der „Reinigenden Flamme“ im Laufe der vierteiligen Geschichte die größten Schwierigkeiten macht, ist der Prototyp „Delta VII“, zum Zeitpunkt der Ereignisse das schnellste Raumfahrzeug am Himmel. Diesem Raumschiff gibt Redeker einen ganz spezifischen Klang.
„Unsere grundsätzliche Idee war, dass die ,Delta VII‘ ein Prototyp mit einem besonderen Antrieb ist, alles andere an diesem Schiff sollte improvisiert klingen.“ Redeker beschreibt die Akustik der „Delta VII“ mit der einer „riesigen Keksdose“. „Die ,Hermes‘ hat einen viel eleganteren Sound.“
Die “Delta VII” – hier auf einem Bild von Alexander Preuss – hat einen revolutionären Antrieb, ist im Inneren aber nicht besonders bequem.Der Klang der Triebwerke ist sehr ruppig. „Wenn sie anspringen, gibt es ein richtiges KRACH!“ Die Türen wirken brutal, laut und kantig, „in der Schleuse herrscht ein Riesenlärm, im Gang zu den Quartieren summen Leuchtstoffröhren. Es klingt nicht gemütlich. Nur in den Quartiere ist die Akustik etwas gedämpft“. Insgesamt sollte die „Delta VII“ „weniger wie ein iPhone und mehr wie der ,Rasende Falke‘ klingen.“
Beim Knarren der Sessel, in denen die Astronauten Platz nehmen, ist in Wirklichkeit Redekers alter IKEA-Sessel zu hören, der inzwischen längst aus dem Wohnzimmer verbannt ist. „Ich habe damals auch jede Menge Bewegungsgeräusche mit verschiedenen Jacken aufgenommen, die wir heute noch immer verwenden.“
Die einrastenden Gurte stammen wiederum aus einer Geräusche-Sammlung. „Ich habe hier mehrere Klänge kombiniert. Die Gurte sollten wie Flieger-Gurte klingen, auch wenn das nicht besonders futuristisch ist.“
Der Maschinenraum der “Delta VII”? – Nein, der E-Raum eines U-Boots, aber so hört sich der Maschinenraum an, als Stroganow und Brandis dort arbeiten. (Foto: militariahistory.iphpbb3.com)Auf sehr „altmodisch“ wirkende Klänge greift Redeker auch in einer späteren Szene im Maschinenraum der „Delta VII“ zurück. In „Verrat auf der Venus“ bauen Bordingenieur Iwan Stroganow und Mark Brandis bei einem Aufenthalt auf der Raumstation „Interplanar XII“ neue Energiezellenein. Dabei kracht, quietscht und scheppert es so sehr, das der Hörer sofort an schwere Batterie-Kästen denkt, die in einen Schacht gewuchtet werden müssen. Es ist klanglich eher der enge Maschinenraum eines U-Boots als die High-Tech-Umgebung eines Raumschiffes.
Redeker: „Ich hatte mir damals eine tolle Geräusche-Sammlung voller Maschinen- und Metallklänge zugelegt.“ Dann habe er für den Einbau der schweren Energiezellen verschiedene Klänge kombiniert. „Dazu hat Martin Wehrmann als Iwan Stroganow wahnsinnig viele Ideen eingebracht. Wir haben ihn einfach improvisieren lassen.“ Zu den Ergebnissen gehört beispielsweise Stroganows Warnung an Brandis: „…Vorsicht…! Vorsicht…!… Immer aus‘n Knien heben, nie aus‘m Rücken!“ Und wenn die Energie eingeschaltet wird, ist ein „ganz bestimmter Rückkopplungs-Effekt zu hören“.
Der „altmodische“ Klang einer Schlacht
Obwohl die Geschichte in der Zukunft spielt, kämpfen die Truppen in der Sahara mit gewöhnlichen Sturmgewehren gegeneinander. (Foto: whg-forum.de)Beim Klang des großen Bodengefechts in der Sahara in „Bordbuch Delta VII“ entschied sich Jochim Redeker ganz bewusst gegen utopische Klänge. Hier donnern nahe und ferne Explosionen, und die Ranger und die Truppen der Phoenix-Garde der „Reinigenden Flamme“ liefern sich eine Schlacht mit knatternden Sturmgewehren.
Redeker: „Manche Hörer beschwerten sich, weil das so gar nicht nach Science-Fiction klingt, aber für mich war von Beginn an klar, dass die Menschen in dieser Welt mit Maschinengewehren schießen.“
Um die Schlacht akustisch entstehen zu lassen, „habe ich viele Sounds zusammengeworfen: Schritte im Sand, schreiende Leute, Maschinengewehre, ferne und nahe Explosionen.“
Im Laufe mehrerer Folgen entwickeln sich die benutzen Waffen aber weiter. „Als Brandis und seine Leute in ,Unternehmen Delphin‘ die bruchgelandete Crew von Captain Danielson aus Metropolis retten, sind zum ersten mal moderne Laser- oder Plasma-Gewehre zu hören. So wird deutlich, wie sich die Technologie im Laufe des Bürgerkriegs weiterentwickelt.“ Um auch dem Sound der Laser-Gewehre etwas „Echtes“ zu geben, geht auch der Klang dieser Waffen auf einen echten Schuss zurück, der in mehreren Arbeitsgängen verfremdet wurde.
Die „Delta VII“ schlägt zurück
Eine ganze besondere Freude habe Redeker das Geschütz der „Delta VII“ in der Rettungs-Szene in „Unternehmen Delphin“ gemacht. „Immer, wenn die ,Delta VII‘ feuert, hat das einen ganz anderen Rums als die Gewehr- und Pistolenschüsse. Und immer, nachdem die ,Delta VII‘ gefeuert hat, hört man, wie irgendwo etwas zusammenbricht.“
Unser nächster Making-of-Beitrag zum Bürgerkriegs-Vierteiler beschäftigt sich mit Jochim C. Redekers Musik, die er für diese Folgen geschrieben und aufgenommen hat. Der Beitrag geht am Mittwoch, 26. September, abends online.
Den zweiten Teil über die Klangkulisse und die Soundeffekte veröffentlichen wir am Mittwoch, 3. Oktober.

