(ez) – „Einst gab es einen Dämon, der in den Lüften lebte. Man erzählte sich: Wer ihn je herausfordert, muss sterben. Man erzählte sich, die Kontroll-Instrumente würden blockieren, die Flugzeuge heftig herumwirbeln und schließlich zerschellen. Der Dämon lebte bei Mach 1 auf dem Machmeter, bei 1200 Kilometern pro Stunde, da, wo die Luft nicht mehr ausweichen kann. Er lebte hinter einer Mauer, von der es hieß, dass kein Mensch sie je durchdringen könne. Sie nannten sie ,die Schallmauer`.” Mit diesen Worten beginnt der Film „Der Stoff, aus dem die Helden sind” von Philip Kaufmann, der den Beginn das amerikanischen Raumfahrtprogramms beschreibt. Der erste Held dieses Films ist Charles „Chuck” Yeager, der Mann, der vor 65 Jahren, am 14. Oktober 1947, als erster Mensch in einem Flugzeug die Schallmauer durchbrach.
Die X-1 wurde von einem B29-Bomber auf sechs Kilometer Höhe gebracht und dann – wie eine Bombe – ausgeklinkt, wie auf dieser Illustration zu sehen. (Foto: spitcrazy.com)Flug mit gebrochenen Rippen
14. Oktober 1947, morgens: Die Karten, dass er diesen Tag überleben und auch noch Geschichte schreiben wird, stehen für Chuck Yeager denkbar schlecht, als der B29-Bomber mit dem experimentellen Raketenflugzeug X-1 im Bombenschacht in den Himmel über der kalifornischen Mojave-Wüste aufsteigt.
Yeager hat Schmerzen in der Brust, denn nur zwei Tage zuvor hat er bei einem Ausritt mit seiner Frau ein Gatter übersehen und sich zwei Rippen gebrochen. („Der Ur-Knall“, sueddeutsche.de, 13.10.2007). Aus Angst, dass man ihn nicht fliegen lässt, ist er, statt ins Krankenhaus des Stützpunktes, nur zu einem Tierarzt in der Umgebung gegangen. Nur seinem Freund Jack Ridley hat er sich anvertraut.
Durch die Verletzung kann Yeager die Luke der X-1 nicht ohne Hilfe schließen. Ridley hat ihm das Ende eines Besenstiels besorgt, „das Yeager als Hebel zum Schließen der Luke verwenden“ kann. (Wikipedia)
„2100 Meter über der Majave-Wüste macht sich Yeager im Bauch der B29 bereit für seinen Einsatz. Er klettert in den Bombenschacht. Es ist kalt, windig, die Luft ist spürbar dünn. (…) Er steigt auf eine bewegliche Leiter, die langsam zur X-1 hinuntergleitet. Die Luke des ganz in Orange gehaltenen Experimentalflugzeugs ist eng, der Fallschirm hinderlich. Yeager quetscht sich ins Cockpit. Er setzt seinen goldenen Helm auf und zurrt die Sauerstoffmaske fest.“ („Der Ur-Knall“).
Yeagers Körper steckt in einem primitiven Druckanzug, den eine Korsettfirma geschneidert hat. Darin ist er angeblich in der Lage, kurzfristig das 18-fache der Erdbeschleunigung zu überleben. Aviatiker und Flugingenieure vermuten, die Schallgrenze ist eine Art Barriere, jenseits derer die Drucklasten für Mensch und Material nicht mehr erträglich sind. („Fliegender Hammer“, spiegel.de).
Ein erfahrener Jagdflieger und Kriegsheld
Der 24-jährige Testpilot lässt sich von den düsteren Prognosen für seinen Flug nicht beeindrucken. Er verlässt sich auf seinen Instinkt. Trotz seiner jungen Jahre hat er als Pilot und Soldat schon viel durchgemacht. Im Krieg ist er mit seiner damaligen P51 Mustang bereits über Europa geflogen. Er hat 13 deutsche Maschinen vom Himmel geholt und hat auch einen eigenen Abschuss überlebt.
Im Rahmen des „Flying Sergeants“-Programms hatte er ab 1942 gelernt, Jagdflugzeuge mit Höchstgeschwindigkeit auf Baumwipfelhöhe zu fliegen.
Jetzt – fünf Jahre später – geht es erneut um Höchstgeschwindigkeit, nur wird sein Flugzeug diesmal von vier Raketenmotoren angetrieben. „Die dicken Stahltanks direkt hinter ihm sind randvoll gefüllt mit Alkohol und flüssigem Sauerstoff.“ („Der Ur-Knall“).
Acht Flüge hat Yeager inzwischen mit der X-1 absolviert und sich immer näher an die Schallgrenze herangetastet. Dabei hat er bereits herausgefunden, dass die Höhenruderklappe bei der angestrebten Überschallgeschwindigkeit nicht mehr funktionieren wird. Zur Lösung des Problems haben die Ingenieure das Leitwerk umgebaut. Der Pilot kann es jetzt im Ganzen zur Steuerung bewegen. („Fliegender Hammer“).
Die X-1
Die X-1, das Flugzeug, das die Schallmauer einreißen soll, ist keine zehn Meter lang. Ihr Rumpf ist nach dem Profil eines 0,5-Zoll-Geschosses geformt und hat zwei Stummelflügel, die ihr gerade mal eine Spannweite von 8,53 Meter geben. Zu Ehren seiner Frau Glennis hat Yeager die orangene Mini-Rakete „Glamorous Glennis“ getauft, ein Name, den bereits seine Mustang im Krieg getragen hat. (Wikipedia).
Mit der linken Hand und mit Hilfe des Besenstiels zieht der Testpilot die Luke über sich zu. „Die Scheibe im Dach ist aus Glas. Plastik würde bei der extremen Luftreibung schmelzen.“ („Der Ur-Knall“). Chuck Yeager ist bereit.

Das Raketenflugzeug X-1 hat gerade mal eine Spannweite von 8,53 Meter. (Foto: air.blastmagazine.com)
„Irgendwas stimmt nicht mit diesem Machmeter!“
„In sechs Kilometern Höhe lässt die B29 ihre bemannte Bombe (…) fallen. Yeagers Helm wird gegen das Dach der Kabine gedrückt. In schneller Folge zündet er die vier Raketenmotoren, stellt sie wieder ab, zündet sie erneut. (…) Drei Tonnen Schub beschleunigen die X-1. Immer in Richtung Himmel.“ („Der Ur-Knall“).
Die Nadel auf dem Machmeter klettert langsam immer höher. Mach 0,92… Mach 0,93… Der Flug wird immer unruhiger. Mach 0,94… Wie von Yeager vorhergesagt, verliert das Höhenruder seine Wirkung. Doch die Stabilisierung funktioniert dank der Umbauten. Dann zeigt die „Nadel des Machmeters (…) 0,95, sie klettert auf 0,96, schließlich auf 0,97. In 13000 Metern Höhe und bei horizontalem Flug bleibt sie hängen – bei Mach 0,98. Sekunden später springt sie auf Mach 1,06.
Chuck Yeager, der jetzt der schnellste Mensch der Welt ist, reagiert zunächst mit Unglauben, denn für ihn im Cockpit hat sich seit Mach 0,98 nichts Wesentliches verändert. Später beschreibt er die Sekunden seines Überschallfluges in seiner typisch-trockenen Weise: „Wir flogen schneller als der Schall! Und es war so sanft wie ein Babypopo: Großmutter könnte hier sitzen und Limonade trinken.“ („Fliegender Hammer“).
Im Funkgespräch mit seinem Freund Ridley hört sich das folgendermaßen an:
„,Hey, Ridley‘, ruft er seinen Flugingenieur. ,Irgendwas stimmt nicht mit diesem Machmeter, er spinnt komplett.‘ – ,Wenn dem so sein sollte, werden wir es reparieren‘, antwortet Ridley. Und als Zeichen, dass er die Botschaft verstanden hat, fügt er hinzu: ,Ich glaube allerdings, das bildest Du dir ein.‘“ („Der Ur-Knall“).
Charles “Chuck” Yeager vor dem Raketenflugzeug X-1. Am 14. Oktober 1947 ist er als erster Mensch schneller als der Schall geflogen. (Foto: aerospaceweb.org)Ausbilder der ersten Astronauten
Bis zu seiner Pensionierung im Rang eines Brigadegenerals im März 1975 bleibt Chuck Yeager Pilot mit Leib und Seele, und stellt noch eine ganze Reihe weiterer Höhen- und Geschwindigkeitsrekorde auf. Zudem wird er der erste Leiter der „USAF Aerospace Research Pilot School“, an der er Astronauten ausbildet. (Wikipedia).
Selber will Yeager aber auf keinen Fall Astronaut werden und äußert sich auch spöttisch über die sieben „Mercury“-Astronauten, die bereits als Helden gefeiert werden, bevor sie ihren ersten Raumflug absolviert haben. „Ich hatte wahrhaftig keine Lust, die Affenkacke wegzuputzen, bevor ich mich in der Kapsel hinhocke.“ („Der fliegende Hammer“). Amerikas erste Astronauten sind immerhin Schimpansen gewesen.
Um ein besonderes Detail in der Ausstattung der Weltraumstation „Porta Stellaris“ aus den Mark-Brandis-Hörspielfolgen „Vorstoß zum Uranus“ und „Lautlose Bombe“ sowie um die Überlegungen, so etwas tatsächlich zu bauen, geht es in unserem nächsten Beitrag. Es geht um den Weltraum-Aufzug. Der Artikel geht am Mittwoch, 24. Oktober, abends online.

