OT: Mark Brandis‘ reale Vorfahren in Gefahr – Raumnotfälle von „Apollo 13“ bis zur ISS (Teil 1)

(ez) – Hilflos ist die Besatzung des VEGA-Expeditionsschiffes „Delta IX“ auf dem Uranus-Mond Titania gestandet („Vorstoß zum Uranus„). Das Republiken-Schiff „Han Wu Ti“ treibt mit schwindender Energie im Orbit des Neptun („Triton-Passage„), und die Menschen der Raumstation „Orbis“ werden durch umherrasenden Weltraumschrott bedroht („Raumposition Oberon„). In der Mark-Brandis-Hörspielserie lernen die Protagonisten häufig schmerzhaft, dass der Weltraum ein tödlicher Ort sein kann. Vor dem sicheren Ende bewahrt sie nur eine dünne Hülle aus Metall, und wenn die Technik versagt, wird die Lage sehr schnell lebensgefährlich. -Auch in der echten, inzwischen rund 50-jährigen Raumfahrtgeschichte, haben Astronauten und Kosmonauten immer wieder in höchster Gefahr geschwebt, und noch gibt es keine Raumnotretter, die ihnen zur Hilfe eilen könnten.

 

Notfallreparatur an der „Discovery“
Im Hochsommer 2005 liegen bei der NASA die Nerven blank. Beim Start des Space Shuttles „Discovery“ ist der lebensrettende Hitzeschild beschädigt worden. Dabei stehen allen die schauerlichen Bilder vom 1. Februar 2003 noch vor Augen, als das Shuttle „Columbia“ genau wegen eines solchen Schadens beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre in 60 Kilometern Höhe auseinandergebrochen ist. Damals sind sieben Astronauten zusammen mit der „Columbia“ verglüht.

Das soll sich bei der „Discovery“ nicht wiederholen, und so fällt die Entscheidung, dass US-Astronaut Steve Robinson den Schaden reparieren soll, während das Shuttle an der Internationalen Raumstation angedockt ist. „Ein Einsatz, der noch nie zuvor geübt, geschweige denn im All unternommen worden war.“ (spiegel-online, 3.8.2005).

US-Astronaut Steve Robinson schwebt unter dem Shuttle "Discovery", um den Hitzeschild zu reparieren. (Foto: stern.de)

US-Astronaut Steve Robinson schwebt unter dem Shuttle „Discovery“, um den Hitzeschild zu reparieren. (Foto: stern.de)

Auf einem 20 Meter langen Roboterarm der ISS stehend, macht sich Robinson am Bauch der „Discovery“ zu schaffen. Zwischen Hitzekacheln hängen zwei Füllstreifen heraus. Zum Glück lassen sich die Streifen leicht herausziehen. „Ich werfe ihn einfach in meinen Müllbeutel“, sagt der 49-Jährige, nachdem er den ersten Streifen triumphierend in die Kamera gehalten hat. Am Ende muss er noch nicht einmal die Säge benutzen, die die „Discovery“-Besatzung eigens gebastelt hat. (spiegel-online).

Wenige Tage später herrscht dann große Erleichterung. Der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre ist geglückt, und die Crew der „Discovery“ ist wieder sicher zu Hause.

 

Leck an der ISS
Im Mai 2013 müssen zwei Besatzungsmitglieder der Internationalen Raumstation zu einer Notreparatur aussteigen. Das Kühlsystem hat ein Leck. „In kleinen weißen Flocken entweicht Ammoniak aus dem Kühlsystem eines Solarmoduls (…).“ (spiegel-online, 11. Mai 2013) „Vermutlich hat umherfliegender Weltraumschrott das Leck verursacht.“ (rp-online, 11. Mai 2013). Energie ist unter den lebensfeindlichen Bedingungen des Alls überlebenswichtig, und „das Ammoniak dient zur Kühlung eines Stromkreislaufs der ISS“. (rp-online.de).

Unser Foto zeigt die beiden Astronauten Chris Cassidy (oben) und Tom Marshburn bei der Reparatur eines Lecks an der Internationalen Raumstation. (Foto: stern.de)

Unser Foto zeigt die beiden Astronauten Chris Cassidy (oben) und Tom Marshburn bei der Reparatur eines Lecks an der Internationalen Raumstation. (Foto: stern.de)

Nach zwei Stunden haben die beiden Astronauten Chris Cassidy und Tom Marshburn eine Kühlmittelpumpe ausgewechselt.

 

Wasser im Raumhelm
Dass auch Außenbordeinsätze selbst für die Astronauten sehr gefährlich werden können, zeigt ein Zwischenfall im Juli 2013. „Nach rund einer Stunde Außeneinsatz musste der italienische Astronaut Luca Parmitano seinen Ausflug ins All vorzeitig beenden. Der Grund war eindringendes Wasser im Helm des Astronauten.“ (technix.de, 19. Juli 2013).

Laut Parmitano sei das Wasser in seinen Helm getropft, „bis dicke Tropfen seine Augen und seine Nase bedeckten. Es sei schwer gewesen, noch etwas zu sehen, und er konnte nichts mehr hören, sagt der Italiener. Auf dem Weg zurück zur Luftschleuse habe er auf sein Gedächtnis vertrauen müssen. ,Stellen Sie sich vor, Sie müssten mit geschlossenen Augen, den Kopf in einem Goldfischglas, herumlaufen.‘“ (spiegel.de). Eine Vermutung lautet, dass das Kühlsystem des Anzugs ein Leck gehabt hat. Laut NASA hätte Parmitano in seinem Anzug ertrinken können. Wasser fließt in der Schwerelosigkeit nicht ab, sondern bildet schwebende Tropfen, und der Italiener lief Gefahr, diese einzuatmen.

 

Der Rettungsgleiter X-38
Um der Besatzung der Internationalen Raumstation bei gefährlichen Notfällen eine Fluchtmöglichkeit zu bieten, entwickelte die NASA schon in den 1990er Jahren den Rettungsgleiter X-38. „Bei einem Notfall wäre die Besatzung in den X-38 gestiegen, hätte von der ISS abgekoppelt und die Umlaufbahn verlassen. (…) X-38 sollte über keinen autarken Antrieb verfügen, sondern nur Steuerfunktionen durch ein mit Stickstoff betriebenes Düsensystem und ein Paar Hecksteuerklappen, die wegen der hohen Temperatur beim Wiedereintritt (…) vollständig aus faserverstärktem Keramik bestehen.“ (wikipedia.de)

Der X-38-Gleiter war ursprünglich als Rettungsschiff für die Raumstation ISS gedacht. (Foto: wikimedia.org)

Der X-38-Gleiter war ursprünglich als Rettungsschiff für die Raumstation ISS gedacht. (Foto: wikimedia.org)

Wegen fehlender Geldmittel wurde das X-38-Projekt im März 2002 eingestellt. Die Folge: Auf der ISS dürfen jetzt nie mehr als sechs Raumfahrer arbeiten, weil in den beiden Sojus-Raumschiffen, die angedockt werden können, nur sechs Menschen Platz finden.

 

Schwere Unfälle
Einem Rettungssystem verdanken die Kosmonauten der Trägerrakete „Sojus T-10-1“ am 26. September 1983 ihr Leben. Die Rakete beginnt noch auf dem Starttisch zu brennen und explodiert. Das Raumschiff mit den Kosmonauten wird durch das automatische Rettungssystem von der Rakete gezogen, die Besatzung bleibt unverletzt. (wikipedia.org).

Innere Verletzungen tragen die Kosmonauten der „Sojus-18-1“-Mission am 5. April 1975 davon, als die Trennung der dritten Stufe versagt. (wikipedia.org). Das Landesystem bringt sie aber auf die Erde zurück.

Keine Rettung gibt es am 28. Januar 1986 für die sieben Astronauten des US-Shuttles „Challanger“, als die Fähre nur 73 Sekunden nach dem Start explodiert. (wikipedia.org).

 

„Houston, wir haben ein Problem!“
Der wohl berühmteste Notfall im Weltall ist vermutlich die gefährliche Odyssee der Mond-Mission „Apollo 13“ im April 1970, nachdem ein Sauerstofftank explodiert ist. Dabei scheint es zunächst, als würde der Flug langweilige Routine werden. Immerhin sind zum Zeitpunkt des „Apollo 13“-Starts am 11. April 1970 schon zwei Expeditionen auf dem Mond gelandet.

Doch am dritten Tag des Fluges – die Besatzung aus den NASA-Astronauten Jack Swigert, James Lovell und Fred Haise bereitet sich schon auf die Mondlandung vor – gibt es ganz unvermittelt einen lauten Knall. Die Raumfahrer „spüren starke Vibration, Warnleuchten schlagen Alarm (…) Die Uhren im Kontrollzentrum zeigen 21.08 Uhr, als Kapsel-Pilot Swigert zur Erde funkt: ,Houston, wir haben hier ein Problem!‘“ (ntv.de). Wenige Augenblicke später wiederholt Kommandant Jim Lovell die Meldung, als die ungläubige Bodenstation um Bestätigung bittet.

Diese Illustration von der Seite alanbeangallery.com zeigt die Explosion des Sauerstofftanks am "Apollo 13"-Raumschiff. (Foto: alanbeangallery.com)

Diese Illustration von der Seite alanbeangallery.com zeigt die Explosion des Sauerstofftanks am „Apollo 13“-Raumschiff. (Foto: alanbeangallery.com)

Ein Artikel auf welt.de schildert die Augenblicke des Schreckens kurz nach der Explosion. „Die Spannung einer der beiden Hauptstromleitungen tendiert gegen Null, zwei von drei Brennstoffzellen sind tot (…). Doch als ob dies nicht reicht, wird die Lebensgefahr noch unmittelbarer, gut zu sehen im Vakuum draußen vor dem Fenster. ,Der schlimmste Moment war wohl‘, erinnert sich Lovell heute. ,als wir durchs Fenster sahen, wie der glitzernde Sauerstoff ins Schwarze Nichts entwich.‘ Die Monitore sagen: Sauerstofftank Nr.2 ist ausgefallen, leer. Nr. 1 ist angeschlagen, scheint mittelfristig auch auszufallen. Das Versorgungsmodul, hinten an der Kapsel angekoppelt, entleert sich offenbar, alles Mögliche entweicht aus ihm (…).“ (welt.de).

In ganz kurzer Zeit müssen Entscheidungen getroffen und Probleme gelöst werden, die alle über Leben und Tod entscheiden. Nachdem das Raumschiff endlich stabilisiert ist, steht die Frage im Raum, wie es weitergeht. „Gleich umkehren, bei 30 000 Stundenkilometern mit ungeheuerem Energieaufwand, oder erst noch zum Mund und in dessen Schwerefeld elegant Schwung holen für den Rückweg, eine längere, aber energiesparende Reise? Flugdirektor Gene Kranz in Houston entscheidet sich für die letzte Variante. Dies bedeutet: Noch 90 Stunden Reise in akuter Lebensgefahr.“ (welt.de).

Von diesem Moment an wird die Mondlandefähre „Aquarius“ zu einer Art Rettungsboot. „Zu einem eiskalten Rettungsboot. Die Systeme sind für zwei Astronauten und nur für die Zeit der Mondlandung ausgelegt, nicht für drei Männer und den mehrtägigen Rückflug zur Erde. Was Strom verbraucht und halbwegs verzichtbar ist, wird abgeschaltet, darunter das Navigationssystem und der Bordcomputer. Weil die Abwärme der Geräte in die Beheizung der Landefähre einberechnet ist, sinkt die Temperatur fast auf den Gefrierpunkt.“ (zeit.de, 16. April 2010).

Wegen der drei Männer in der „Aquarius“ ist auch das Luftreinigungssystem der Landefähre überfordert. Den Raumfahrern droht eine Kohlendioxid-Vergiftung. Im Wettlauf gegen die Zeit suchen NASA-Ingenieure in Houston nach einem Weg, wie es die Astronauten schaffen können, den Kohlendioxid-Filter der Kommandokapsel „Odyssey“ mit Bordmitteln an das System der „Aquarius“ anzupassen, mit „Plastiktüten, Pappe, Klebeband, Socken“. (ntv.de, 12. April 2010).

Mit einem viereinhalb-minütigen Brennschub der Landefähren-Triebwerke – von Hand gesteuert – ist „Apollo 13“ nach der Mondumrundung wieder auf dem Rückweg zur Erde, doch noch sind die Raumfahrer längst nicht in Sicherheit. „Das Leben der Astronauten gerät an die Grenzen des Erträglichen. (…) An den Wänden bildet sich Eis. Schlaf ist fast unmöglich. Pro Person gibt es 200 Gramm Wasser pro Tag. Die Mannschaft versucht, den Wasserbedarf mit feuchten Fertiglebensmitteln zu stillen. Sie essen Hotdogs gegen den Durst. Die Astronauten dehydrieren. Lovell verliert 14 Pfund Körpergewicht.“ (ntv.de).

Kurz vor der Landung steigen die Astronauten in die Landekapsel um und koppeln die Fähre „Aquarius“ ab, ebenso das Service-Modul, das von der Explosion zerfetzt worden ist. Mit letzter Restenergie schießt die Landekapsel kurz vor der Wasserung im Pazifik die Bremsfallschirme auf.

Laut welt.de schätzen Raumfahrthistoriker heute die Mission „Apollo 13“ als einen größeren Erfolg als alle geglückten Mondlandungen, weil man damals das eigentlich Unmögliche vollbrachte; „die drei Männer in einem fast zusammengebrochenen Raumschiff lebend zurück zu bringen“.

 

In unserem zweiten Artikel über reale Raumnotfälle geht es um das schicksalhafte Jahr 1997, in dem die Besatzung der russischen Raumstation „Mir“ mehrere Male in Lebensgefahr schwebte. Der Beitrag geht am Mittwoch, 18. September 2013, abends online.

Kategorie(n): Alles, Hintergrund, OT

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