„Spiegelplanet“, das verlorene Hörspiel-Kapitel – Im Gespräch mit dem Manuskriptautor

Mit der Veröffentlichung seines nicht verwendeten Mark-Brandis-Hörspiel-Manuskripts „Spiegelplanet gewährt Manuskriptautor Balthasar einen genauen Blick auf den „Urzustand“ eines Hörspiels, lange bevor der erste Sprecher am Mikrofon steht. Mark-Brandis-Blog-Autor Eric Zerm hat mit ihm über die Besonderheiten dieser Adaption gesprochen und auch darüber, was gegen die Produktion der Geschichte gesprochen hat.

ez: Auf der ersten Seite des „Spiegelplanet“-Manuskripts steht, dass Du es schon im September 2013 fertig hattest. Wie dicht standet ihr vor den ersten Aufnahmen, als das „Stopp“ kam?

BvW: Es war noch eine Weile hin, denn ich wollte die #29 schreiben, die damals noch als Einteiler geplant war. Die Aufnahmen der beiden Folgen sollten zusammen stattfinden.

ez: Von wem kam das Signal?

BvW: Von mir.

ez: Was hat denn gegen das Hörspiel gesprochen?

BvW: Es war diesmal doch zu weit weg vom Original. Ersichtlich war das erst, als es fertig geschrieben war, nicht während der Vorbesprechungen. Für das daraus resultierende Unbehagen Frau von Michalewskys wollte ich nicht verantwortlich sein, deswegen habe ich selbst das Skript zurückgezogen.

ez: Nun geht die Serie statt dessen mit „Zeitspule“ weiter. Werden die Ereignisse aus dem „Spiegelplanet“-Manuskript – auch wenn sie in keinem Hörspiel vorkommen – trotzdem zur Biografie von Mark Brandis gehören?

BvW: Nein. Ich werde mir zwar Mühe geben, keine offensichtlichen Widersprüche in Zukunft einzubauen, aber dieser Ausflug in eine virtuelle SF-Welt wird sozusagen „niemals geschehen sein“.

ez: Wird es für die Menschen im Mark-Brandis-Universum passiert sein?

BvW: Nein. Die Frage, wie diese durchaus reale Herausforderung (die Bewältigung der Hungerkatastrophe) im Serienuniversum bewältigt wurde, wird für diese Monate der Serienhandlung offen bleiben.

ez: Der Roman „Der Spiegelplanet“ spielt auf einem Planeten, den Mark Brandis und die Crew der „Kronos“ auf der Erd-abgewandten Seite der Sonne entdecken. Warum habt ihr die Geschichte in eine virtuelle Welt verlegt?

BvW: Aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Wir, das heißt die Menschen heute, wissen, dass ein Spiegelplanet auf der anderen Seite der Sonne längst von den vielen Raumsonden hätte entdeckt sein müssen. Damit diese Geschichte im Brandis-Universum und potenziell in unserer zukünftigen Realität stattfinden konnte, musste ich sie „verlegen“. Und eine Holodeckwelt erschien mir am Plausibelsten.

ez: In dem Hörspiel-Manuskript tauchen einige mythologische Begriffe auf. Zum Beispiel heißt das Spiegelplanet-Projekt „Elysium“, und die Bezugsperson eines Besuchers in der virtuellen Welt „Avalon“. Was hat Dich beim Schreiben inspiriert?

BvW: Ich habe mir überlegt, wie wohl ein zukünftiger Systemdesigner mit Sinn für PR seine Schöpfung nennen (lassen) würde. In der Neuzeit sind moderne Technologien, vor denen die Menschen keine Angst haben sollten, nach vertrauten, großen oder tröstend klingenden Begriffen benannt worden. Warum sollte sich das in der Zukunft ändern?

ez: Was hat Dich an Nikolai von Michalewskys Romanvorlage besonders gereizt, und wo liegen die größten Unterschiede zwischen dem Roman und dem Hörspiel-Manuskript – abgesehen von der Verlegung der Geschichte in den Cyberspace?

BvW: Im Grunde genommen ist das Buch ja eine Paraphrase von „1984“; der Twist ist, dass aus der Mangelwirtschaft eine Überflusswirtschaft geworden ist. Gereizt hat mich an der Geschichte die Auszeit und die „Zeitreise“, die Brandis und seine Mannen auf „Mir“ (so heißt der Planet) erleben: eine Welt, die wie ihre eigene ist vor 100 Jahren, jedoch unter einem anderen System. An der Idee, daraus ein Hörspiel zu machen, hat mich gereizt, einmal Geräusche von heute oder früher zu benutzen: Holztüren, Telefone, Autos mit Benzinmotoren. Dazu kommt man ja in SF-Hörspielen nicht oft.

ez: Minister Henri Villiers fürchtet, dass eine virtuelle Welt, in der jedes materielle Bedürfnis mühelos befriedigt werden kann, die Menschen von der echten Welt entfremdet. Schon heute bombardiert uns das Internet rund um die Uhr mit Konsum-Angeboten, und der Kauf ist quasi nur einen Mausklick entfernt – jedenfalls, bis das Girokonto schlapp macht. Macht die virtuelle Welt die Menschen unzufrieden?

BvW: Ich sehe einen Unterschied zwischen virtuellen Welten, die wir betreten und erleben können wie ein Holodeck bei „Star Trek“, und dem Verkaufen über das Internet. Die Gefahr, von der Villiers spricht, ist bei uns eher darin zu sehen, dass wir auf andere Weise von der Welt um uns entfremdet sind. Das beginnt dabei, dass wir nur dann Widerwillen empfinden, ein Tier, zum Beispiel ein Schaf, zu essen, wenn wir es kennen. Das gilt jedoch ebenso für unsere Entfremdung von unserer Umwelt, die wir ausbeuten und in Plastikmüll ersticken. Unser System macht es uns zu leicht, das zu vergessen. Die Zufriedenheit
des Menschen ist bei allem Luxus nicht größer geworden, unsere Widerstandskraft nicht stärker und die längere Lebenszeit der Menschen wird zunehmend von Krankheiten wie Krebs torpediert.

ez: Obwohl Oliva nur eine virtuelle Persönlichkeit auf dem Spiegelplaneten ist, ist sie neugierig, stellt vorherrschende Wahrheiten in Frage und will ihre Welt erforschen. Wird es irgendwann denkende und fühlende Maschinen geben? Ab wann kann man dann sagen, dass eine solche künstliche Intelligenz lebt, und was bedeutet das für uns Menschen?

BvW: Diese Fragen haben Geschichten wie „I, Robot“ oder Filme wie „Blade Runner“ längst thematisiert. Die Frage ist, wie alle großen Fragen, nicht leicht zu beantworten. Spider Robinson schrieb einmal „Where I come from, anyone who says ,Excuse me‘ is a human being.“ Warum sollte das nicht auch auf K.I.s Anwendung finden? Wenn sie menschlich denken und handeln, also empathisch sein können, so wie Roy Batty in „Blade Runner“, sollten wir nicht engstirnig sein. Ich fürchte jedoch, dass genau das passieren würde.


Am Mittwoch, 26. Februar 2014, beschäftigen wir uns weiter mit den realen Hintergründen der Geschichte „Metropolis-Konvoi“. In unserem Beitrag geht es um Szenarien, wie in Zukunft der Hunger auf der Welt besiegt werden könnte. Der Artikel erscheint abends auf unserem Blog.

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3 Antworten auf „Spiegelplanet“, das verlorene Hörspiel-Kapitel – Im Gespräch mit dem Manuskriptautor

  1. Tolles Interview & Skript, Danke!

  2. Vielen Dank für diese ehrlichen Einblicke in den Entscheidungsprozess und natürlich vor allem das Skript. Es war eine schöne Abwechslung, einmal die Rohfassung eines Hörspiels zu lesen und sich die Dialoge und Kulisse in der eigenen Fantasie zu gestalten. Natürlich hätte ich das Skript auch sehr gern vertont gesehen und wäre eindeutig für die Produktion gewesen, aber das würden wahrscheinlich die meisten Brandis-Fans und Leser dieses Blogs sagen. Interessant wäre gewesen, was Frau von Michalewsky dazu gesagt hätte. Hat sie den Entwurf einmal gesehen oder fiel die Entscheidung dagegen vorher?

    Ich hätte eine inhaltliche Frage (Achtung, Spoilerwarnung).

    Villiers sorgt dafür, dass die Welt nach seinen Vorgaben läuft und will damit erreichen, dass den Menschen etwas abverlangt wird. Aber was eigentlich? Das wurde mir beim ersten Lesen noch nicht ganz klar. Oder geht es um die enge, die ein eher autoritäres Gesellschaftssystem erzeugt? Sollten die Besucher sich gedanklich damit auseinandersetzen? Das wäre das einzige, was mir dazu einfällt, aber ich hielt es immer für die Fehl- bzw. Schutzfunktionen des Systems gegen den Einfluss von Mark Brandis. Wie ist dieser Teil gemeint?

    INTERPLANAR sagt:

    Danke für die Frage, ich habe sie im Forum zur Diskussion gestellt und beantwortet.