Making of „MARK BRANDIS, RAUMKADETT“ – Serien-Konzept, Charaktere und Manuskripte

(ez) – Mit den Hörspielen „Aufbruch zu den Sternen“ und „Verloren im All“ hat das INTERPLANAR-Produktions-Team eine zweite Mark-Brandis-Serie begonnen, die von den abenteuerlichen Jugendjahren des berühmten Raumfahrers handelt. Das Außergewöhnliche daran: Im Gegensatz zur klassischen Serie, von der 2007 die erste Folge erschienen ist, gibt es für die nun erscheinenden Geschichten keine Roman-Vorlagen; abgesehen von der Kurzgeschichte „Aufbruch zu den Sternen“, die Nikolai von Michalewsky 1983 veröffentlicht hatte. In einem ausführlichen Gespräch hat von Weymarn tiefe  Einblicke in die Entstehung des neuen Serien-Konzepts, in die Entwicklung der wichtigsten Charaktere und in die Manuskript-Arbeit für die ersten beiden Folgen gewährt.

Achtung: viele inhaltliche SPOILER!

Das Serien-Konzept
Ausgangspunkt der neuen Serie ist die Kurzgeschichte „Aufbruch zu den Sternen“. In ihr versucht ein 14-jähriger Mark Brandis, als Blinder Passagier an Bord des Frachters „Barbarossa“ zur Venus zu gelangen, um dort auf dem Expeditionsschiff „Safari“ anzuheuern. Ein Vorhaben, das gründlich schief geht, und den Jungen, der unbedingt Raumfahrer werden möchte, in ernste Schwierigkeiten und in sein erstes großes Abenteuer stürzt.

Einen ersten Verweis auf dieses Jugend-Abenteuer gibt es schon in dem Hörspiel „Verrat auf der Venus“ (erschienen 2008). Hier begegnet Mark Brandis auf der Venus der Tochter des „Barbarossa“-Captains, Angelica Nelson. Für die erste Folge von „Mark Brandis, Raumkadett“ hat von Weymarn diese Kurzgeschichte nun zu einer rund einstündigen Hörspiel-Geschichte ausgebaut.

Was könnte Mark Brandis aber nach den „Barbarossa“-Ereignissen erlebt haben, und wie ist er schließlich zum Raumfahrer bei der VEGA (Venus-Erde-Gesellschaft für Astronautik) geworden? Diese erzählerische Lücke, die Brandis-Erfinder Nikolai von Michaelewsky in seinen Romanen gelassen hat, möchte das Hörspiel-Team nun schließen.

Der Skriptautor kennt die Mark-Brandis-Geschichten seit seiner Jugend. Jetzt erzählt er sie weiter. (Foto: Eric Zerm)

Der Skriptautor kennt die Mark-Brandis-Geschichten seit seiner Jugend. Jetzt erzählt er sie weiter. (Foto: Eric Zerm)

„Ich habe mir erst mal ein paar Themen skizziert, die sich aus der Kurzgeschichte ergeben“, erklärt von Weymarn sein Herangehen an das Serien-Konzept. „Da haben wir zum Beispiel eine neue Raumfahrt-Schule, und Mark erzählt von seinem Vater, der beim Militär dient und bei einem Grenz-Konflikt verschollen ist.“

Ein einschneidendes Ereignis aus Mark Brandis‘ Leben wird bereits im ersten Hörspiel „Bordbuch Delta VII“ angedeutet. Wir erinnern uns: Brandis wurde wegen eines schweren Unglücks, die er verschuldet hat, vom Commander zum Captain degradiert. Er dient an Bord des Prototyps „Delta VII“ lediglich als Steuermann unter dem Kommando von Commander John Harris (dem späteren VEGA-Direktor). Die Ereignisse des Unglücks belasten Brandis noch immer. Salz in die Wunde ist in „Verrat auf der Venus“ dann die Wiederbegegnung mit Robert Monnier, mit dem Brandis eine gemeinsame Vergangenheit hat, und der seit der Katastrophe Brandnarben im Gesicht hat. Von Weymarn: „Rob ist bei der Wiederbegegnung noch immer wütend auf Brandis, weil er ihn für den Tod von Alec verantwortlich macht. Von diesem Charakter wissen wir bisher nur, dass er bei einem missglückten Rettungseinsatz verbrannt ist.“ Vieles bleibe allerdings im Dunkeln. „Monnier und Brandis reden kodifiziert, sie wissen mehr als der Zuhörer darüber.“ Die wirklichen Hintergründe klärt die Original-Serie erst in „Ikarus, Ikarus“ auf.

Aus diesen Informationen entwickelt der Manuskript-Autor nun ein weiteres Hauptelement der neuen Serie: „Eine sehr wichtige Rolle wird die Freundschaft zwischen Mark, Alec und Rob spielen.“ (In den Romanen von Nikolai von Michalewky heißt die Figur Alec übrigens Gordon, verrät Balthasar von Weymarn. Bei der Entwicklung der Manuskripte zu den ersten vier Hörspielen sei der Name aber in Alec geändert worden, weil Gordon auch der Vorname des bösen Generals Smith ist).

Der zeitliche Rahmen, in dem sich „Mark Brandis, Raumkadett“ nun bewegen wird, liegt zwischen seinem „Aufbruch zu den Sternen“ als 14-Jähriger und der Katastrophe, bei der Alec ums Leben kommt. Das ermöglicht den Hörspiel-Machern darüber hinaus, auch „historische“ Ereignisse zu thematisieren, die im Mark-Brandis-Universum wichtig sind. Zum Zeitpunkt der ersten Folge wird zum Beispiel der sich verschärfende Konflikt mit der von China dominierten asiatischen Welt thematisiert. Es geht darum, welche Seite den afrikanischen Kontinent für sich gewinnen kann. (Die Europäisch-Afrikanisch-Amerikanische Union EAAU gibt es noch nicht). Auch Alexander Münster taucht auf, der in einem der Mark-Brandis-Bücher als erster Mensch beschrieben wird, der seinen Fuß auf die Venus gesetzt hat. Er ist ein Vorbild für den jungen Mark. Balthasar von Weymarn: „Unser Ziel ist es, die Serie bis zur Katastrophe bei Mark Brandis‘ erstem Kommando zu erzählen. Und wenn wir die Möglichkeit bekommen, kann die Serie auch darüber hinaus gehen.“ Ob sich das erste Ziel oder gar das zweite verwirklichen lässt, hängt nun – wie auch bei jeder TV-Serie – ganz entscheidend davon ab, wie gut die Serie vom Publikum angenommen wird. Das Label „Folgenreich“ hofft für die Serie auf jeden Fall auf weitere, und wegen des jugendlichen Helden auch auf jüngere Fans.

 

Wichtige Charaktere
Eine wichtige Rolle spielt in „Mark Brandis, Raumkadett“ die Freundschaft zwischen dem jungen Mark Brandis, Robert Monnier und Alec Delaney. Mark begegnet den beiden anderen schon an seinem ersten Tag in der Raumfahrt-Schule der VEGA („Verloren im All“). Balthasar von Weymarn: „Dabei ist Alec der dominante Charakter, zu dem alle anderen aufschauen.“ Die Rolle als Commander eines Raumschiffs, die Mark Brandis später einnehmen wird, passt zu diesem Zeitpunkt vor allem auf Alec, „und Mark gefällt sich – quasi wie Riker in ,Star Trek – The Next Generation‘ – eher in der Rolle des Ersten Offiziers, der gar keine Führungs-Ambitionen hat“.

Eine Person, die das Hörspiel „Aufbruch zu den Sternen“ gleich zu Anfang einführt, ist die zu diesem Zeitpunkt 16-jährige Nina Axö. Weil der drei Jahre jüngere Mark (unerwidert) in sie verliebt ist, lässt er sich von ihr überreden, in einen Stützpunkt der europäischen Raumfahrtgesellschaft ESA einzubrechen, um dort etwas zu stehlen. Dabei tut Nina das wiederum nur, um einen ihrer Lehrer zu beeindrucken, auf den sie ein Auge geworfen hat. Von Weymarn: „Eine sehr unglückliche Konstellation, aber sie passt zu Marks Alter.“ Nina soll auch in einer späteren Geschichte wieder auftauchen, „und auch da bringt sie Marks Leben erneut durcheinander“. Eine weitere wichtige junge Frau bei „Mark Brandis, Raumkadett“ wird die Astronauten-Schülerin Annika Melnikova. Sie wird die Freundin von Alec, „und durch diese beiden erlebt Mark alle Höhen und Tiefen einer Beziehung mit“.

Ein Charakter, den die Hörspiel-Produzenten aus der Original-Serie in „Mark Brandis, Raumkadett“ übernehmen, ist Richard Westhoff. Zum Zeitpunkt des Bürgerkriegs-Zyklus (Die Hörspiele 1 bis 4) ist er Direktor der VEGA, und nachdem die „Reinigende Flamme“ die Venus besetzt hat, warnt Westhoff Brandis per Funk vor der Landung… wobei Westhoff sein Leben verliert. Von Weymarn: „Es gibt in ,Verrat auf der Venus‘ ein sehr starkes Vertrauens-Verhältnis zwischen Westhoff und Mark Brandis. Das möchte ich erklären.“ In „Raumkadett“ lernt der junge Mark Westhoff als Lehrer der Raumfahrt-Schule kennen.

Ein wichtiger Schurken-Charakter der ersten Folge ist Thorben Wallis. Er ist ein Ex-Oberst und zu diesem Zeitpunkt ein Anführer der radikalen Gruppe „Reinigende Flamme“. Das ist dieselbe politische Gruppierung, der zu Beginn von „Bordbuch Delta VII“ in der Union der Staatsstreich gelingt.

 

Das Manuskript: „Aufbruch zu den Sternen“
Als von Weymarn daran gegangen ist, die Kurzgeschichte „Aufbruch zu den Sternen“ zu einer rund einstündigen Hörspiel-Geschichte auszubauen, hat er sich zu Beginn eine wichtige Frage gestellt? Warum versucht der raumfahrtverrückte Mark, heimlich zur Venus zu gelangen, um dort auf dem Expeditionsschiff „Safari“ mitfliegen zu können? Warum bewirbt er sich nicht einfach bei der neuen Raumfahrt-Schule der VEGA? Die Antwort gibt nun der Beginn des Hörspiels. Hier hilft der zu diesem Zeitpunkt 13-Jährige der 16-jährigen Nina Axö, in einen Stützpunkt der ESA einzubrechen… und wird dabei erwischt. Von nun an gibt es eine Akte über ihn, und ein Sperrvermerk verwehrt ihm den offiziellen Weg zur VEGA.

Raumkadett Folge 1 bestellen

Das Cover der ersten CD von „Mark Brandis: Raumkadett.

Rund ein Jahr später liest Mark von dem Raumschiff „Safari“, dessen Captain auf der Venus Personal für eine Expedition sucht, und setzt sich nun in den Kopf, auf diese Weise Raumfahrer zu werden. Weil er die Passage zur Venus aber nicht bezahlen kann, versucht er es als Blinder Passagier an Bord des Frachters „Barbarossa“. Der Beginn eines wilden Abenteuers, das stark an alte Seefahrer-Geschichten erinnert. Der Autor des Hörspielmanuskripts schmunzelnd: „Die Geschichte hat schon sehr viel Skipper-Romantik. Sie ist sehr nautisch und hat relativ wenig von einem tatsächlichen Flug durch den Weltraum. Es ist eher die Geschichte eines Jungen, der sich auf einen Krabbenkutter schmuggelt, weil er Seefahrer werden will.“

Entsprechend wenig hat auch die „Barbarossa“ – benannt nach einem Korsar im Mittelmeer aus dem frühen 16. Jahrhundert – von einem eleganten Sternenschiff. Michael Vogt hat die Form des Raumschiffs in seinem Comic zur Kurzgeschichte gar an das Aussehen eines Wals angelehnt. Captain Nelson – benannt nach Admiral Nelson, dem berühmten Kommandeur der britischen Seeflotte – ist ein bärbeißiger alter Skipper. Er ist etwas abergläubisch, und Mark bekommt von ihm im Laufe der Zeit den Spitznamen „Klabautermann“.

Bei der Adaption der Geschichte zum Hörspiel-Manuskript blieb von Weymarn, wie er verrät, relativ nah an der Vorlage. „Alles weitere beurteilen die Hörer am besten selbst.“ Die erste Hörspielfolge ermöglicht allen, die dies möchten, sogar einen direkten Vergleich. Im Datenbereich (PDF) der CD gibt es die Original-Kurzgeschichte von Nikolai von Michalewsky sowie den Comic von Michael Vogt.

 

Das Manuskript: „Verloren im All“
Mit der zweiten „Raumkadett“-Hörspielfolge „Verloren im All“ betritt das Hörspiel-Team von INTERPLANAR endgültig Neuland. Für diese Geschichte gibt es keine Buch-Vorlage mehr. „Die erste komplett eigene Geschichte für die Serie zu schreiben, war nicht ganz ohne“, erinnert sich der Manuskript-Autor. „Da musste ich mir erst etwas Mut machen.“ Dann ging er mit folgender Überlegung an die Entwicklung heran: „Ich fliege jetzt mal frei. Ich überlege mir erst mal, wie ich mir den jungen Mark wirklich vorstellen könnte, auch die Art, wie er spricht. Und da die Serie ja schließlich ,Raumkadett‘ heißt, sollte die erste eigene Geschichte auch mit der Raumfahrt-Schule beginnen. Und dort lernt er neue Leute kennen.“

Allerdings, so von Weymarn weiter, „will natürlich niemand eine Geschichte mit Hörsaal-Vorlesungen hören, und so überlegte ich mir, wie es denn für angehende Raumfahrer wäre, wenn sie gleich zu Beginn ihrer Ausbildung in den Weltraum geschickt werden, und sofort bei ihrem ersten Flug etwas schief geht“. So entstand Schritt für Schritt das Szenario von „Verloren im All“. In dessen Verlauf wird eine Gruppe von Raumkadetten – unter ihnen Mark, Alec und Annika – nach einem Zwischenfall in einer Sektion des Raumschiffs „Alpha 8“ eingeschlossen. Sie wissen weder, was passiert ist, noch was vor sich geht und haben auch keine Verbindung mehr zum Rest des Schiffes. Von Weymarn: „Nachdem ich diese Situation hatte, wusste ich, dass die Geschichte funktionieren würde. Es ist wie bei Hitchcock. Eine Gruppe von Menschen in Gefahr, eingeschlossen in einem Raum. Das ist eine Extrem-Situation, bei dem jeder zeigt, was er für einen Charakter hat.“

RAUMKADETT Folge 2 bestellenTrotzdem gewährt die Folge auch erste Einblicke in die neue Raumfahrt-Schule, und die ist – wie die Hörer erfahren werden – deutlich anders, als man sich eine Akademie vorstellt. Mark wundert sich jedenfalls sehr, als er zu Beginn der Geschichte bei einem Landhaus in Gemünden (gemeint ist Gemünden an der Felda im Vogelsbergkreis) ankommt. Und kaum hat er diese neue Umgebung kennengelernt, beginnt bereits eine weitere Fahrt… ins Unbekannte.

Der erste Mensch, dem Mark in seinem neuen Leben begegnet, ist übrigens der gutmütige Gärtner Schenck, den von Weymarn als Hommage an den Gärtner Boothby aus „Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert“ anlegt. Boothby ist Chefgärtner an der Sternenflotten-Akademie in San Francisco, und auch Captain Jean-Luc Picard erzählt von den guten Gesprächen, die er während seiner Ausbildung mit diesem geführt hat. (memory-alpha.org). Von Weymarn über den VEGA-Gärtner: „Er steht im wahrsten Sinne mit beiden Beinen auf der Erde.“ Den Kennern von „Star Trek: Deep Space Nine“ wird die Stimme des Gärtners übrigens sehr vertraut vorkommen.


Am Mittwoch, 4. Juni 2014, beschäftigen wir uns in einem weiteren Beitrag zu „Mark Brandis, Raumkadett“ mit den Sprechern und den Sprachaufnahmen. Unter anderem geht es um die Begegnung mit einer wahren Hörspiel-Legende, mit Ur-Commander Perkins Horst Stark. Der Beitrag erscheint am frühen Abend in unserem Blog.

Kategorie(n): Alles, Hintergrund, Making Of

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