2016 auf 2017

Das Jahr 2000 war mal weit in der Zukunft. Sicher würde es dann fliegende Autos geben, Roboter würden die Arbeit machen, alles würde supersteril aussehen, und die Raumfahrt wäre Alltag.

Schön wär’s gewesen. 2016 ist jetzt fast Vergangenheit. Für mich ist es ein Jahr, das neben dem Abschied einer ganzen Reihe von Heroen meiner Jugend (David Bowie, Leonard Cohen, Prince, George Michael, Carrie Fisher, die Reihe geht hoffentlich nicht noch weiter) als das Jahr in Erinnerung bleiben wird, in dem sich die Welt nachhaltig geändert hat — genau wie oder noch mehr als nach dem 11.9.2001.

Hillary Clinton nutzte ihr Vitamin B, um den populäreren aber auch ehrlicheren demokratischen Präsidentschaftsaspiranten Bernie Sanders aus dem Rennen zu kegeln und verlor dann fast schon folgerichtig die eigentliche Wahl gegen den Opportunisten, Misogyn, Egozentriker und Ignoranten Donald Trump.
Großbritannien, das mit Schlagworten wie „einig sind wir stark“ es noch einmal geschafft hatte, Schottland von einem Austritt aus dem Vereinigten Königreich abzuhalten, beschloss kurz darauf den Austritt aus der EU und disqualifizierte sich damit nachhaltig als gestaltende Kraft Europas.
Die Unfähigkeit der unverändert weltkriegstraumatisierten Deutschen, klare Verhaltensregeln für Flüchtlinge — z.B. ein unmissverständliches und konsequent umgesetztes Gastrecht mit Rechten und Pflichten — zu implementieren, ließ die Zustimmungsraten für die AfD in ungeahnte Höhen steigen. Das Problem ist auch weiterhin so nachhaltig ungelöst, dass selbst jahrzehntelang eingeübte Reflexe von Politikern und Medien („wenn wir die Politiker dieser Partei und/oder ihre Wähler zu Nazis erklären, erledigt sich das Problem von selbst“) nicht mehr greifen.
Im gleichen Jahr hat es mehr Übernahmen deutscher Unternehmen durch China gegeben als je zuvor.

2017 wird die Konsequenzen von 2016 deutlich werden lassen: am 20.1. wird The Donald POTUS und hat ohne jede Hemmungen bereits vorab erkennen lassen, wie egal ihm die Umstände sind, unter denen er die Mehrheit der Wahlmänner bekommen hatte. Postfaktisches Denken und Handeln wird Einzug in die US-Innen- und Außenpolitik halten; und die Frage ist, ob Europa noch in der Lage ist, die Verantwortung wahrzunehmen, die ihm jetzt zufiele.
Will man einen Schneeballeffekt innerhalb der Europäischen Union vermeiden, sollte auch Großbritannien nun zu spüren bekommen, dass es ein Rosinenpicken im Verhältnis zur EU ab jetzt nicht mehr geben wird.
Klare Ansagen gilt es auch in der Bewältigung der Flüchtlingskrise zu finden: zu stark wird sonst das Bauchgefühl der Wähler hierzulande, dass eine vom Gedanken „es soll alles kuschlig bleiben“ hypnotisierte Politikerkaste die Kontrolle verloren hat. Ohne Perspektive und klar erkennbare Leitlinien werden Menschen, die traumatisiert von Krieg und Verlust ihre Heimat verlassen mussten, sich als Folge erlittenen Kulturschocks und in Unvermögen oder Desinteresse an der Natur des Gastgeberlands noch verstärkt an Unschuldigen vergehen. Und die Presse wird das dankbar aufgreifen und schüren.

Nikolai von Michalewsky hatte in den 70er Jahren in seiner Mark Brandis-Buchreihe das lebendige Bild und Feindbild eines starken China gezeichnet. Als ich 2010 zu Dreharbeiten in Südchina arbeitete, konnte ich das Ausmaß der kulturellen Unterschiede von Abendland zu Fernost erahnen. Es ist als noch relevanter einzustufen als die Diskrepanz zum islamischen Levant. Ist ein Verkauf von VW an Peking denkbar? Welche Konsequenzen hätte das?
Und wird es in der Zukunft noch Politikerpersönlichkeiten mit Weitblick wie Samuel Hirschmann geben *können*, die aus solchen Grundgegebenheiten noch Symbole der Hoffnungen bauen können wie eine Statdt im Atlantik namens Metropolis?

Kategorie(n): Alles, OT, Schreibtischgedanken

2 Antworten auf 2016 auf 2017

    Marcus Lelle sagt:

    Ui. Da hast Du aber einen düsteren Text geschrieben.

    Ich denke, 2016 war sicherlich ein Jahr, welches Geschichte gemacht hat und machen wird.
    Aber vielleicht sollte es auch eine Art Weckruf sein. Ich war lange der Meinung, dass sich die Geschichte des 3. Reiches heute nicht mehr wiederholen könnte, weil die Leute viele Informationen haben und damit Rattenfängern nicht so auf den Leim gehen können. Außerdem ist der Individualismus der Menschen heute so hoch, dass ein „im Gleichschritt marschieren“ so nicht mehr möglich wäre.
    Ich glaube auch jetzt noch daran, dass wir keiner düsteren Dekade entgegengehen. Aber es ist schon erschreckend wieviel Menschenverachtung aktuell durch die sozialen Medien, die Blogs, aber auch Tagesgesprächen in Bus und Bahn zieht.

    Im Rahmen der Flüchtlingskrise wurden sicherlich Fehler gemacht. Es gibt Ausländer, die böse sind und teilweise sogar unsere Rechtsordnung komplett in Frage stellen. Was für eine Überraschung?
    Und mir als Christ macht mir (manchmal) das kompromisslose Missionarische islamischer Gruppen auch Sorgen.

    Aber wir alle sind Menschen. Das klingt so banal, aber das ist es doch. Wer andere Menschen herabwürdigt aufgrund irgendeiner Andersartigkeit, ist ein Idiot. Und solchen Idiotismus gibt es leider überall auf der Welt, in jeder Schicht, in jeder Religion, in jeder Ideologie usw.
    Am Ende des Tages haben wir aber alle nur eine begrenzte Zeit auf dieser Welt, haben alle Träume und Ängste und sorgen uns um unsere Nachkommen.
    Und es darf nicht opportun werden, dass wir grundlos Menschen verdächtigen.

    Deinen Wunsch nach klaren Regeln bzw. klaren Aussagen kann ich nachvollziehen.
    Ich lese gerade ein Buch von Helmut Schmidt, „Was ich noch sagen wollte“. Er war für mich immer geradliniger Mensch. Ich war nicht immer mit ihm einer Meinung, aber er hat er immer klar gesagt, was er dachte.
    Ich würde mir manchmal wünschen, dass die Menschen Politikern und anderen Verantwortlichen Glauben schenken würden, die sagen: Es wird nicht einfach, aber wenn wir jetzt A machen, folgt B und dann können wir uns C leisten. Und wenn wir alle zusammen arbeiten, erreichen wir auch C.

    Ich wünsche uns allen für 2017, dass wir die Hoffnung nicht verlieren, dass wir wachsam bleiben, aber auch und vor allem, dass wir in allen Gegenübern Menschen sehen. Und wenn dieser Mensch mir nichts tut, tue ich ihm auch nichts!

  1. Wir haben Politiker mit einem gewissen Maß an Weitblick. Die werden aber bei vielen Gelegenheiten diffamiert, weil Sie das sogenannte Etablishment als Gefahr sieht.
    Ich spreche von Sahra Wagenknecht. Für mich eine der wenigen positiven deutschen Politikerinnen. Ähnlich wie Samuel Hirschmann in Mark Brandis.
    Europa hatte 2001 eine Chance. Putin hielt eine Rede im deutschen Bundestag und reichte Europa die Hand für ein friedliches Miteinander. Die SPD stand, so glaube ich, in ihrem Programm nach dem Mauerfall, für ein Europa ohne NATO und ohne Warschauer Pakt.
    Leider hatten da schon die USA Schröder und den ehemaligen Grünen Joschka Fischer bereits umgedreht.
    Wir brauchen gefestige Menschen, die aufgrund der historischen Erfahrungen Lehren daraus ziehen, dass sich dieser Schwachsinn nicht wiederholt. Aber leider ist ein nicht unerheblicher Teil des Volkes uninformiert und läßt sich sehr leicht in die falsche Richtung lenken.
    Ich zähle mich zu den Informierten und bin für ein Europa des sozialen Miteinanders ohne die USA und ohne NATO und ohne Großkonzerne.
    Hier noch eine Empfehlung:
    Nachdenkseiten.de