Unbeantwortete Fragen im „Raumkadett“

  • Was genau hatte Cohen beabsichtigt, als er Mark Brandis nach dem bestandenen „Test“ das Empathiesymbol in die Hand drückte? (Folge 10)
  • Was hatten die Verschwörer hinter dem Mord an Präsident Bähler beabsichtigt, und wer war der Drahtzieher? (Folge 9)
  • War die Anklage gegen Cmdr. Brandt berechtigt? (Folge 11)
  • Ist die Darstellung von Maj. Westhoff zum Kriegsbeginn zwischen Republiken und Union richtig so?
  • Warum war Mark Brandis ohne Fesseln und damit in der Lage, seinen Bewacher zu überwältigen?
  • Wurde Osaka von vornherein absichtlich zerstört, oder war es eine Kurzschlussreaktion?
  • Wird Warren als Kriegsanstifter seiner gerechten Strafe zugeführt? (alle Folge 8)

Im Lauf der Serie sind aufmerksame Hörer auf Fragen gestoßen, die teilweise auch einige Folgen später immer noch ungelöst sind. Die oben gelisteten sind nur einige davon. Ist diese Lücke Folge von Nachlässigkeit?

Die Frage ist rhetorisch. Dass ich sie trotzdem beantworte, hat damit zu tun, dass diese Fragen Teil einer speziellen Form der Dramaturgie sind, die im Hörspielsektor (jedenfalls unter den Serien) sehr selten vorkommt, und die ich mit einem Satz wie folgt zusammenfassen möchte:

Die Helden werden schrittweise älter, sammeln Erfahrungen und müssen mit nicht-aufgelösten Rätseln und Fragen fertig werden — einfach deswegen, weil sie nicht die Macht haben, Antworten zu erzwingen.

Das klingt nachvollziehbar und vielleicht unspektakulär. Ist aber nicht die Regel. Serien im kommerziellen Hörspielsektor leben entweder von (1) der psychologischen Unverletzlichkeit ihrer Figuren oder (2) einer zirkulären Dramaturgie.

Was heißt das?

  1. Dieser Typ Serie hat Helden, denen unbeschadet Dinge zustoßen können, die Geringere für Jahre in schwere Traumatherapien schicken würden. Beispiele sind praktisch alle Dämonenjäger, Geheimagenten und Mordaufklärer. Diese treten am nächsten Morgen wieder unbehelligt und mit einem lockeren Spruch auf den Lippen wieder ins Geschehen und bestehen das nächste Abenteuer. Damit entsprechen sie einem Wunschbild ihres Publikums, das sich über die Folgen der Abenteuer gerne genauso wenig Gedanken machen will wie die Helden selbst. Die Serien enden, wenn den Autoren keine Geschichten mehr einfallen und/oder die Verkaufszahlen zu schlecht sind.
  2. TKKG, die ???, Benjamin Blümchen — drei Beispiele für Erfolgsserien mit einer Dramaturgie, die ihre Helden deswegen unverwundbar und unveränderlich lässt, weil sie in einer Zeitschleife gefangen sind. Im übertragenen Sinne grüßt täglich das Murmeltier. Auch nächstes Jahr noch sind sie in der neunten Klasse, sitzen im Wohnwagen auf dem Schrottplatz oder sind ohnehin als Märchenfiguren jenseits menschlicher Maßstäbe von Reifen und Älterwerden. Das erleichtert den Autoren die Arbeit und den Hörern das Durcheinanderhören. Nachteil: die Figuren sind und bleiben so, wie sie sind.

Kombinationen von (1) und (2) sind natürlich auch möglich. Will man sich nicht einer solchen Dramaturgie bedienen, hat man natürlich den Vorteil, seine Charaktere reifen lassen zu können, sie verletzbar, auch dauerhaft verletzt zu zeigen. Sie können sich entwickeln — wie es jeder Mensch (hoffentlich) im Leben auch tut. Auf der anderen Seite bricht man aber mit Hörererwartungen, die in diesem Fall darauf hinauslaufen, dass man sich wünscht, sauber mit einer Schleife versehen jede angefangene Geschichte auch lückenlos zuende erzählt zu bekommen. Hörer der Raumkadett-Serie stehen vor der Herausforderung, das nicht zu bekommen. Die Lücken sind Absicht und Teil des Konzeptes — genau wie das Leben unvollständig und voller offener Fragen ist, soll es auch die Serie sein, deren Entstehungsgrund ja die Frage ist „wie wurde Mark Brandis zu dem Helden, der er in der Hauptserie ist?“
Das geschah bestimmt nicht durch klar und eindeutig beantwortete moralische Fragen.

Das kann enttäuschen. Aber es kann auch etwas besonders Schönes sein, wenn man sich seine eigenen Lösungen und Geschichten dazu so ausdenken kann, wie sie der eigenen Phantasie am besten entsprechen.

Kategorie(n): Alles, Raumkadett, Schreibtischgedanken

Eine Antwort auf Unbeantwortete Fragen im „Raumkadett“

  1. Finde ich gut – die Sache mit den unbeantworteten Fragen. Das ist im wirklichen Leben ebenso.